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Montag, 10. Oktober 2011

Da ist er wieder – der Leistungswahn


Kaum hab’ ich die Headline geschrieben, fällt mir auch prompt auf, dass ein Begriff wie „Leistungswahn“ natürlich nur männlich sein konnte: DER Leistungswahn – logo. Was auch sonst. Aber eigentlich wollte ich mich ja über das Neuheiten-Karussell auslassen, das langsam Fahrt in Richtung 2012 aufnimmt. Die ersten Knaller der kommenden Saison sind vorgestellt: Ducati schiebt schon mal einen 195 PS leistenden Motor ins EICMA-Rampenlicht. Technik-Freaks mag dabei die Hose aufgehen. Ich frag’ mich nur noch: Muss das sein?

Ein Sporttourer mit 200 und mehr PS:
Wer braucht die neue ZZR1400?
Kawasaki legt gleich noch mal eine Schüppe drauf. Die neue ZZR1400 bringt zwischen 200 und 210 PS (letzteres mit RAM-Air) ans Hinterrad, dazu einen Drehmoment, der ohne ausgeklügelte Traktionskontrolle gar nicht mehr auf den Asphalt zu bringen ist. Und wirbt unverhohlen mit der „besten Beschleunigung der Welt“. Für einen Sporttourer! Hallo, geht’s noch?

Zur Erinnerung: Motorradfahrer werden immer älter – nicht sportlicher. Zuwachs bringen nur noch Segmente wie „Tourer“ und „Reise-Enduro“ (neuerdings lieber „Allrounder“ genannt). Sporttourer gehen auch gut – wenn der Schwerpunkt auf Tour und nicht auf Sport liegt.

Frauen sind derzeit sogar die große Hoffnung für die ganze Branche. Mehr Neueinsteigerinnen denn je sprechen eine klare Sprache. Und sogar die Jugend interessiert sich – nach der „lost generation“ – wieder fürs Motorradeln. Bleibt die Frage: Wo sind die Motorräder zu diesen Trends?

Sieht so die Tourer-Zukunft aus? Wenn es nach
Honda geht, schon. Wollen wir das?
Frauen müssen sich ihre Wunschmoppetten meist anpassen lassen, weil kein Hersteller in der Lage ist, passende Maschinen zu bauen. Kawasaki hat zwar mit der ER-6n ein gutes Modell in der Palette, treibt diesem aber gerade mit aggressivem Aufbretzeln die Weiblichkeit weitgehend aus. Tourer sollen demnächst – geht es etwa nach Honda – auf Zwittern zwischen Roller und Motorrad zur Kult-Bratwurst am Stilfser Joch aufbrechen. Glauben die wirklich, dass die Kundschaft so was will? Und wo ist der lange überfällige Varadero-Nachfolger? Also wandert die Kundschaft zur GS ab. Suzuki hat eine wunderbare neue V-Strom präsentiert – aber leider versäumt, ihr ein Aufsteiger-Modell mit etwas mehr Hubraum an die Seite zu stellen. Also wandern Aufsteiger zur GS ab. Über Yamaha kann man eigentlich nur noch den Mantel des Schweigens hüllen. Die Kunden sind schon bei BMW (siehe Zulassungszahlen). Bald laufen so viele GS-Modelle zwischen 650 und 1200 Kubik auf den Straßen, dass wir uns vorkommen wie im Käfer überzogenen Wirtschaftswunderland der Fifties!

Wer anders als Blau-Weiß sein will, kann gerade mal noch zu Ducati (Monster und Multistrada) oder zu Triumph wechseln, denen der Verdienst gebührt, endlich eine sehr überlegenswerte Alternative zur 800er GS aufgelegt zu haben. Moto Guzzi hätte mit Norge und Stelvio auch noch was Feines zu bieten. Jedenfalls verliebt sich jeder Betrachter schnell in die Bikes. Nur kaufen mag sie keiner… Schade.

3.995 Euro für eine 125er Duke! Ist das
wirklich schon ein Kampfpreis heutzutage?
Und für den Nachwuchs? Nun, da gibt es zwar ein Grundangebot, dennoch ist Frust bei vielen InteressentInnen vorprogrammiert. Nennenswerte 125er, die man nicht nur gebrauchen kann, sondern die auch noch nett anzuschauen sind, kosten fast immer über 4.000 Euro! Ich weiß ja nicht, wie’s bei Euch ist, aber meine Kids haben nach dem hierzulande viel zu teuren Führerschein nicht mehr diese Menge Cash parat – und sie sparen schon seit ein paar Jahren!

Spiegel online verstieg sich angesichts der neuen 125er Duke von KTM gar zu der Aussage „Die machen sich um den Nachwuchs verdient – und das zu einem Kampfpreis!“ Gemeint waren die aufgerufenen 3.995 Euro für den Mattighofener Flitzer, der auch meiner Tochter schon den Glanz in die Augen trieb. Wo leben wir denn? Alle samtweich auf Wolke 17 gebettet?

Wie auch immer: Dass man für jede noch so kleine Nische erfolgreich Motorräder bauen kann, beweist BMW gerne alle Jahre wieder. Wird also Zeit, dass auch ein paar andere Hersteller das erkennen – und umsetzen. Und dann vor allem gerne mal als:

  1. bezahlbare „Allrounder“ zwischen 70 und 100 PS und einem Top-Kompromiss zwischen Spaß und Nutzwert.
  2. den Ansprüchen und Wünschen Motorrad fahrender Frauen ab Werk angepasste Bikes.
  3. bezahlbare Einstiegsmodelle für den Nachwuchs.

Dann klappt’s auch wieder mit den Zulassungszahlen…

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